Welcome to the Jungle | Die Grenzstadt Tijuana

Welcome to the Jungle | Die Grenzstadt Tijuana

Von San Diego (USA) nach Tijuana (MX) ist es nur ein Katzensprung und wir machten an sich auch keine große Sache daraus. Es gab allerdings einen Punkt auf unserer Liste den wir zu erledigen hatten.

// Auf Nummer sicher

Wir wussten dass unsere KFZ Versicherung in Mexico nicht gültig ist weil sie dort nur lokale Versicherungen akzeptieren und wollten uns deshalb noch vor der Grenze darum kümmern. Weil wir vermuteten dass es weniger stressig sein würde das ganze auf Englisch zu regeln, anstatt ohne Spanisch Kenntnisse vor Ort, suchten wir also einen Versicherer in San Diego auf. Obwohl es sich zuerst auch alles gut anhörte, stellte sich am Ende des Prozesses dann heraus, dass es für nicht US Bürger bzw. korrekterweise für nicht ÚS Fahrzeuge, leider nicht möglich war eine Gesellschaft zu finden die uns versicherte. Damn.

Wir sind also auf gut Glück Richtung Grenze gefahren und sahen noch vor der Grenze ein dickes fettes Schild “Mexican Insurance HERE”. Na also, gute Sache! Das geile ist, das war einfach ein Drive-by Schalter und der komplette Vorgang um die Versicherung abzuschließen dauerte vielleicht unkomplizierte 30 Minuten. Kein Büro, keine Wartezeit, kein Stress.

Wir sehen darin wiedermal ein Beispiel dafür, dass man sich einfach nicht zu viel im Vorfeld kümmern sollte, sondern einfach abwarten was passiert. Irgendwie regelt sich das schon.

// Auf nach Mexico

Nach diesem erfreulichen Verlauf fuhren wir guter Dinge auf die Grenze zu. Die Grenzstation selbst hatte diverse Spuren in die man sich einordnen konnte und wir waren uns nicht so ganz sicher wo wir hin sollten da wir irgendwie das Auto anmelden wollten, also fuhren wir erst mal etwas langsamer suchend in Richtung des Schalters für Importierende Waren. Bingo, eine Frau sah wohl unser Zögern und sprang winkend aus dem Häuschen auf uns zu. Wir konnten ihr schnell verständlich machen dass wir weder ein Touristen Visa noch Kalle importiert hatten worauf hin sie uns in einem, für uns, wilden Englisch-Spanisch Mix erklärte dass wir das in dem nebenstehenden Gebäude vor der Einreise erledigen müssen.

Wir bekamen dort tatsächlich unsere Touristen Visa erfuhren aber auch dass der Fahrzeug Import für die Baja California, das ist dieser Teil von Mexico in den wir einfuhren, nicht nötig ist und später erledigt werden kann. Das Visa ist für 180 Tage gültig und kostet ein paar Pesos die man direkt bezahlen muss. Der ganze Kontakt war sehr freundlich aber zwei Dinge irritierten uns. Das eine war, dass selbst diese Beamten direkt an der Grenze der USA kein bis sehr wenig Englisch sprechen und das zweite, dass alles so Mini ist. Ich bin jetzt mit 1,87 m kein Freak of Nature sondern für Deutsche Verhältnisse  relativ normal groß, kam mir aber gelegentlich vor wie in einem Puppenhäuschen. Wenn ich in einen Spiegel schauen, das Waschbecken benutzen oder an einem Schalter Geld bezahlen will dann muss ich schon ganz schön in die Knie gehen damit das hinhaut. Annette hat sich mit der Höhe der Möbel allerdings schnell anfreunden können.

Gut, nachdem wir die Papiere hatten war der eigentliche Grenzübertritt völlig unstressig. Die zwei Beamten staunten über das Deutsche Fahrzeug und Annette zeigte in ihrem Atlas stolz wo Freiburg liegt. Nach einem kurzen privaten “Plausch” konnten wir passieren  ohne dass sich weiter für Kalles Inhalt interessiert wurde.

// Zack – wir waren in Mexico!

Hier endete nun auch schon der Plan, denn mehr als dass wir bis La Paz fahren und dann mit der Fähre aufs Festland rüber schippern wollten hatten wir uns im Vorfeld nicht überlegt.

Ganz ehrlich optimal war das nicht, denn uns traf der Kulturschock. Aber voll.

Schlagartig wurden die Straßen schlecht aber das war nicht das Problem. Die Mexikaner in Tijuana fahren wie die Henker. Ich habe das einem Kollegen erzählt und er meinte nur dass ich doch auch hin und wieder am rumheizen bin und da doch sicher mithalten kann und da merkte ich dass man sich das nicht vorstellen kann, wenn man es nicht selbst erlebt hat. Mit Deutschen oder Amerikanischen Verhältnissen kann man das nicht vergleichen. Es geht hier nicht darum 75 km/h in der 50er Zone zu fahren  oder auf einer leeren Kreuzung keine 3 Sekunden am Stop Schild zu halten. Ich meine Sachen wie auf einer Spur die völlig offensichtlich für ein Fahrzeug ausgelegt ist, mit zwei Fahrzeugen parallel zu fahren ist noch das Beste was dir passieren kann, denn wenn mehre Spuren da sind wird ohne das kleinste Blinken oder abwarten so krass die Spur gewechselt dass ein fahren für jemanden der das (vielleicht vorhandene) System nicht kennt nur mit absoluter Konzentration möglich ist. Hinzu kommen die Hügel des Todes, das sind aufgeteerte Halbrunde Geschwindigkeitsblocker oder eher Achsenbrecher, die überall wild verteilt wurden und teilweise kaum zu erkennen sind.

Ich persönlich bin eigentlich ein großer Fan des Kreisverkehrs weil es einfach so viel geschickter ist als eine Ampel, wenn der Verkehr sich selbst regeln kann. Die Kreisverkehre in Tijuana ließen mich allerdings zuerst eine Ampel herbei sehnen, denn es wird reingebrettert, ob da jetzt grad einer kommt oder nicht. Es gilt ungelogen das Recht des Stärkeren. Die Philosophie ist: Du willst keine Beule in deinem Auto? Dann brems halt und lass mich rein! Genau so sehen 9 von 10 der Autos auch aus, kaputte Lichter, verbeulte Karosserien, fehlende Stoßstangen, Spiegel und Fenster.

Ich schrieb ich sehnte mich zuerst nach Ampeln zurück. Das war so lange bis ich bemerkte dass eine rote Ampel hier als bessere Straßendekoration verstanden wird. Zur Verteidigung muss ich sagen dass man die Ampeln bei dem ganzen Chaos, Dreck  und Müll wirklich leicht übersehen kann aber das bedeutet eben auch bei Grün besser nach links und rechts zu schauen.

Und das waren nur die Autos. Es gibt auch noch massig Suizidmopeds die allerdings eine untergeordnete Rolle spielen da sie schlicht zu wenig Damage fahren können und somit am unteren Ende der Verkehrskette stehen aber die LKWs und Busse sind ne andere Geschichte. Mit so einem riesen Teil hast du verständlicherweise nicht die Beschleunigung eine kleine Lücke nutzen zu können und darum probieren sie das auch gar nicht erst, sie machen sich die Lücke einfach. Viele von ihnen sehen aus wie Kriegsmaschinen mit 30cm langen Stacheln an den Felgen und Bullenfängern die ihren Namen zu Recht tragen. Also Bullenfänger für Mammutbullen, nicht Rinderbullen.

Wir wußten bis dato auch gar nicht wie dreckig Kalle offensichtlich war, denn kaum standen wir an einer Ampel, ja wir haben angehalten, kamen die Autoputzer vom Straßenrand und wollten mit ihren dreckigen Lappen obskurer weise vermutlich die Situation verbessern. Gegen Bares versteht sich. Wir wollten das gar nicht erst anfangen und blockten das natürlich ab worauf sie einem die Wartezeit damit verkürzten ein schlechtes Gewissen einzureden.

// Erst mal settlen

Bei all diesem Trubel darf man sich gerne nochmal in Erinnerung rufen dass wir keine Idee hatten wo wir hingehen wollten. Wir fuhren einfach durch die Stadt und schauten uns um. Doch was wir sahen gefiel uns nicht. Dreck und gefühltes Chaos überall. Etwas Abseits des Zentrums und der Hauptstraße nur Schotterpisten und Häuser die so aussahen als wäre der nächste Windhauch der Gnadenstoß, Unmengen an streunenden Hunden, weit und breit kein Platz in Sicht an dem wir parken wollten um die Nacht zu verbringen.

Ganz besonders toll – das Navi ging auch nicht mehr weil kein Kartenmaterial für Mexico drauf war. Keine Idee wohin und keine genaue Ahnung wo wir waren. Einfach nach Süden fahren war auch keine Option weil der Grenzübertritt so zackig war, dass wir keine Chance hatten das Fahrzeug aus den USA zu exportieren, weil schlicht und einfach kein USA Part an der Grenze war. Wie ihr wisst haben wir eine temporäre Importerlaubnis und müssen sicherstellen dass die USA davon Kenntnis hat, dass Kalle nun wieder draußen ist um keine Probleme zu bekommen, wenn die Frist abläuft.

Es wurde langsam dunkel und aufgrund der aufregenden Ereignisse und der ersten Eindrücke waren wir uns einig, dass wir die ersten Nächte hier in einem Hotel verbringen wollten, um erst mal alles sacken zu lassen und hier richtig anzukommen. Wir fanden ein halbwegs bezahlbares Hotel das so aussah als ob man dort Übernachten konnte ohne sich den Filzläusen vorstellen zu müssen und genossen Warmwasserdusche, Bett und Internet.

// Import / Export Business

Zwei Tage später versuchten wir also frisch gestärkt und motiviert nochmal in die Nähe der Grenze zu kommen ohne diese mit Kalle zu passieren um den Export unseres Fahrzeuges in die Wege zu leiten. Auf dem Weg dorthin sahen wir einige, möglicherweise Deutsche Touristen, an der Straße die vermutlich wegen unseres Nummernschilds total ausflippten und schnell ein paar Fotos machten.

Wir fanden rasch eine Seitenstraße in Grenznähe in der wir Kalle parkten und zu Fuß zurück in die USA liefen. Auf dem Weg dorthin aßen wir an einem Stand unseren ersten Taco in Mexico – sehr sehr lecker. An der Grenze angekommen versuchten wir uns bei den Beamten durchzufragen wo wir einen Stempel für unseren Export bekommen aber das Problem war, niemand kannte sich damit aus und wir bekamen die Empfehlung am Port of Entry nachzufragen. Dort angekommen änderte sich leider nichts. Die Beamten kannten unser Formular nicht wirklich und da es noch gültig ist sollen wir uns keinen Stress machen. Als wir erwähnten dass unser Auto gerade in Mexico in einer Seitenstraße steht staunte der Beamte nicht schlecht und wies uns darauf hin, dass es möglicherweise geklaut ist wenn wir zurück kommen.

Es ist Wahnsinn wie schlecht das Bild von Mexico in den USA ist.

Kalle war natürlich noch da und wir versuchten wirklich noch einiges um den Export durchzuführen, ich bin sogar durch den Hochsicherheitsbereich ins USA Konsulat gegangen um nachzufragen, aber niemand konnte uns helfen. Irgendwann gaben wir auf und wir importierten Kalle einfach offiziell für 365 Tage in Mexico was auch nochmal Kopien, Wartezeit und Geld kostete. Dieses Import Formular mailte ich dann an unseren Agent mit der Bitte um Kenntnisnahme und nun schauen wir einfach mal ob das als Exportnachweis genügt. Irgendwie überraschend dass das doch so sehr Neuland ist weil wir davon ausgingen dass so was öfters gemacht wird.

Dieses Ganze hin und her dauerte 4 Tage da auch noch das Wochenende dazwischen lag und wir nutzen die Zeit, um uns wieder auf Vordermann zu bringen, die Mexikaner und die Küche kennen zu lernen und unser Navi fit für Mexico zu machen. Zudem stellten wir einen Route zusammen an der wir uns auf der Baja California orientieren wollten.

// Los geht’s!

Ja, der Einstieg war hart aber wir hatten nun das Gefühl alles wieder unter Kontrolle zu haben und ich hatte mich zwischenzeitlich auch mit dem Verkehr arrangiert und konnte etwas relaxter am Steuer sitzen. Wenn man weiß, dass alles erlaubt oder zumindest toleriert ist, hat das auch seinen Reiz.

Tijuana haben wir allerdings verlassen ohne das berühmte Nachtleben dort zu erleben weil wir einfach weiter wollten. In der ganzen Zeit dort hatte ich auch kein einziges Foto gemacht weil ich einfach nicht in der Stimmung war.

Man sagt ja man soll Grenzstädte immer so schnell wie möglich hinter sich lassen und daher freuten wir uns nun auf den Süden und was vor uns liegt.

8 Kommentar bisher

  1. Stefan K Autor Mai 16, 2014 (11:36 am)

    Schön -nach dem Arschtritt auf twitter :p – Eine weitere Etappe lesen zu können.

    Habt ihr inzwischen eine Karte aufs Navi laden können oder fahrt ihr auf gut Glück?

    Freue mich schon auf Bilder und die nächsten Posts

    take care

    Antwort an Stefan K
    • mh Autor Mai 18, 2014 (1:18 am)

      Ja, das tut manchmal Not :)

      Navi wurde aktualisiert. Das ist das geile bei den Garmin Teilen, da kann man ziemlich flexibel Karten drauf laden. Zum Beispiel auch die Open Street Map Karten.

      Antwort an mh
  2. Anja Autor Mai 17, 2014 (11:16 pm)

    Tja, bei den kleinen Mexikanern hätte ich wohl auch paar in meiner “Höhe”
    Viel Spaß weiterhin im puppenhaus…

    Antwort an Anja
    • mh Autor Mai 18, 2014 (1:20 am)

      Das stimmt :)

      Das war aber irgendwie nur im Grenzhäuschen so heftig. Im Alltag hier fällts eigentlich nicht so arg auf. Zum Glück!

      Antwort an mh
  3. Marco Autor Mai 20, 2014 (4:10 pm)

    …nix mit Tequila, Sexo y Marihuana?

    Antwort an Marco
    • mh Autor Mai 20, 2014 (8:14 pm)

      Ja, im Nachhinein tuts mir Leid aber wie geschrieben, war einfach nix mit Party zu dieser Zeit.

      Antwort an mh

Trackbacks & Pingbacks

  1. Es spritzt und keimt | Ensenada und San Quintin | PANAMERICANA {deluxe} Mai 20, 2014 (1:44 am)

    […] in Mexico waren, dass es dort so schön ist?” Das waren meine Gedanken als wir von der Grenzstadt Tijuana los fuhren um unseren Roadtrip entlang der Baja California zu […]

  2. Adios Baja | mit der Fähre von La Paz nach Topolobampo | PANAMERICANA {deluxe} August 5, 2014 (11:39 pm)

    […] beginnt also eine neue Etappe der Reise. Wie bei der chaotischen Einfahrt nach Tijuana (nochmal nachlesen) haben wir erneut keine Ahnung was hier aufm Festland Phase ist. Ein Blick auf unserer Karte […]

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